Was ist Haiku

II.   Geschichte - historischer Überblick
Bambus
Nach den uralten Überlieferungen scheint es, als ob man in den frühen Zeiten Japans alle Gedanken und Gefühle in Gedichtform ausgedrückt hat:
 
Die ältesten japanischen Gedichte entstanden in einer Zeit, in der ein japanischer Staat noch nicht bestand. Diese Gedichte sind in der altjapanischen Sammlung "Kojiki" enthalten. Denzufolge war der ersten Dichter Japans Susanô no Mikotot, der Bruder der Sonnengöttin Amaterasu - Ômikami. Er wurde von ihr verbannt, weil er seine Macht im Himmel mißbraucht hatte, zur Erde geschickt und kam nach Japan in die Provinz Izumo. Dort hat er das erste japanische Gedicht gesungen:

Die Wolken streifen
   Um das Land Izumo.
Oh! Mein schönes Land!
   Ziehende Wolken
Mehr und mehr.

In diesem Gedicht findet man die echte Form noch nicht.
 

Tausend Jahre später lebte der Kronprinz Yamato-Takeru no Mikoto, ein Dichter der japanischen Antike. Nach einem siegreichen Kriegszug starb er auf dem Berg Ibuki, bevor er seine Heimat wieder betrat. Er sah seine Heimat Yamato vor sich, konnte sie aber wegen seiner Krankheit nicht mehr erreichen und so schrieb er sterbend:

Meine Heimat Yamato,
   Ich ersehne dich.
Wolken streifen über den Berg.
   Oh, meine schöne
Heimat, Yamato!

Nach seinem Tod soll seine Seele als großer weißer Vogel zum Himmel geflogen sein.

Nach Kojiki folgte die erste große Sammlung Mannyô-Shû, das bedeutet "Die Sammlung der zehntausend Blätter", sie umfaßte 20 Bände mit 262 langen Gedichten, 4173 kurzen Gedichten und 61 Gedichten in anderen Formen. Die lange Form der Gedichte, Sedôka ist später verschwunden.
 

Die nächste Gedichtsammlung Japans entstand um das siebente Jahrhundert n. Chr., das Mannyoshû. Von dem sehr bekannten Dichter Yamabe no Akahito, der gegen Ende des siebten Jahrhunderts lebte, stammt folgendes Gedicht:

Die Küste Waka verliert bei der Flut ihre Bucht.
Der schreiende Kranich fliegt nach dem Rohrstrand hin.
Wie ich zum Tago-Strand hinausschaue,
Schneit es auf dem Berg Fuji.
Weiß sieht er aus.

Was bei diesem Gedicht auffällt, ist die kurze Form, obgleich es durch die umschreibende Übersetzung schon viel länger geworden ist. Es gehört außerdem zur längeren Gedichtform, dem Waka oder Uta, das Waka soll weder mehr, noch weniger als einunddreißig Silben umfassen.

Die kürzere Gedichtform heißt Haiku und hat nur siebzehn Silben, die gerade die erste Hälfte des Waka entsprechen. Der Grund, warum die kurzen Formen so beliebt waren, ist das Grundprinzip japanischer Kunst: es ist viel wirksamer, wenn nicht alles, sondern nur ein Teil gesagt wird und das übrige Hinzuzufügende, der Vermutung, Einsicht oder Erfahrung des Lesers überlassen wird.

In alten Zeiten, als es noch keine Buchstaben gab, mußten die Gedichte mündlich ausgetauscht werden, was auch in späteren Zeiten noch häufig der Fall war. Dieser Umstand erklärt zudem auch die Kürze der Gedichte.
In der japanischen Literaturgeschichte sind viele unbekannte Dichte zu finden, dies liegt zum Teil daran, daß etliche ihren Namen absichtlich nicht angegeben haben, weil sie auf poetische Ehren bewußt verzichten wollten. Die Japaner betonen den Vorrang vor der Gemeinschaft nicht so stark wie die Europäer, man sucht möglichst verborgen zu bleiben. Die Japaner verehren die Namen, doch noch mehr die Namenlosen!
 

Als Unterhaltungskunst entwickelte sich Waka zu einer neuen Gedichtform. Da zwei Gedichte von verschiedenen Urhebern paarweise geordnet wurden, entstand eine Art Dichtspiel. Vom zwölften bis dreizehnten Jahrhundert wurde diese Dichtungsweise als höchste Leistung aufgefaßt und hat den Namen Renga (Kettengedicht) erhalten. In einem Renga konnten manchmal hundert Gedichtteile vorkommen, die aber alle zusammen keine große Einheit auszumachen brauchten.
Obwohl das Renga-Spiel mehrere Jahrhunderte betrieben wurde, erlangte es keine besondere Stellung in der japanischen Literaturgeschichte, sondern war ein Übergangsstadium zum später entstandenen Haiku.
 

Die erste Hälfte des Tanka ist geeigneter ein selbständiges Gedicht zu werden als die zweite, da sie drei Glieder hat und leichter mehrere Gedanken ausdrücken kann. Auf diese Weise ist die kürzeste Form des lyrischen Gedichtes, das Haikai, entstanden.
Das Haiku hat den radikal gegensätzlichen Charakter des Renga und es ist interessant, das die lange, zusammenhängende Form des Renga in die kurze Form des Haikai übergegangen ist. Historische Gründe dafür gibt es viele, doch ein sehr wichtiger und entscheidender war in der damaligen Zeit der Einfluß des Zen-Buddhismus. Bis das neue Gedicht seine Eigenart gebildet hatte, wurde es von den Dichtern des bürgerlichen Standes gepflegt, diese Entwicklung fiel in das 16. Jahrhundert. Das Haiku wurde der Erzieher des Bürgers, die Quelle der bürgerlichen Bildung, so stieg das Haiku mit dem Bürgertum zu kultureller Höhe auf. Die ersten Haikai-Dichter waren Matsunaga Teitoku (1570 - 1653) und Nishiyama Sôin (1605 - 1682). Der Inhalt der Haikai ist recht konservativ und betont ein wenig die komische Note, dies zeigt sich besonders bei Sôin. Sôins Schule nannte man Danrin und war nur eine Übergangszeit in der Dichtkunst.
 

Es gingen berühmte Dichter aus dem Volk hervor, die Haiku-Dichtung wurde zur Massenkommunikation. Der bedeutendste Dichter war der Ritter Matsuo Bashô, er hat das Haiku zu hohem poetischen Wert erhoben und gründete eine neue Schule "Shô-Hû" (Schule des orthodoxen Stiles). Der strengen Form des Haiku vermochte er die Seele seiner Naturschau zu geben. Das Haiku ist die eigentliche japanische Naturdichtung, sein berühmtestes Haiku:

Alter Teich.
   Fröschlein hüpft hinein -
Wasser tönt in Ruhe.

Bashôs Dichtung ist von einer vornehmen Form, seine liebenswürdige Humanität spricht aus vielen schlichten Versen, durch die er die Alltäglichkeit erheiterte und sein Mitleid mit den Tieren verrät seine Menschennähe:

Der arme Affe
   braucht einen Regenschirm
Im Herbstregen.

Ein Jahrhundert nach Bashô lebte sein Nachfolger Yosa no Buson. Den ersten Ruhm brachte ihm seine Malerei, wie sein Lehrer Bashô wandelte auch er in der Natur und besang sie in der Haiku Dichtung. Später lebte er in Kyôto in einer schönen und kultivierten Umgebung, wo sich seine Haiku-Dichtung richtig entfaltete und vollendete. Jedoch wurde seine dichterische Größe nicht voll erkannt, erst Ende des 19. Jahrhunderts würdigte man seine Bedeutung. Die Gedichte Busons sind immer zart und phantasievoll:

Auf die Tempelglocke
   Ließ er sich nieder und schläft,
Der Schmetterling!

Aus seinen Gedichten spricht Gelassenheit und läßt die Natur als Natur:

Im Frühling
   Rollen die breiten Meereswellen
So langsam dem Ufer zu
 

Nach Buson folgte ein Dichter namens Kobayashi Issa (1763 - 1827). Niemand hat den Ernst der menschlichen Liebe so besungen wie Issa. Als der Bauernsohn Issa drei Jahre alt war starb seine Mutter und mit sechs sang er ein Haiku:

Komm hierher,
   Spielen wir zusammen,
Du mutterloses Spätzlein.

Nach Issa war noch ein Dichter namens Shiki bedeutend(1867-1902). Zu seiner Zeit begann Japan, sich in moderne Formen zu entwickeln. Shiki studierte Literatur und begann mit seiner dichterischen Schöpfung und begründete eine neue Haiku-Schule. Die Dichtung Shikis ist etwas realistischer als die seiner Vorgänger, aber auch bei ihm findet man ein rein ästhetisches Gefühl:

Vor dem Tod;
   Doch noch laut
Herbstzikaden.

Von beiden Seiten
   Bewachende Blicke:
Katzenliebe.

Aus dem Kreis seiner Schüler stammen mehrere japanische Dichter der Gegenwart; Sôseki und Kyoshi sind wohl die bedeutendsten davon. Die Dichtung Sôsekis (1865-1915) ist sehr realistisch und hintergründig. Er kennt die Technik und weiß seine scharfen Augen hinter Humor, Ironie und Toleranz zu verbergen:

Bodenstein
   Sieht man bewegend
Durch das Quellwasser.

Oh! Kuckuck,
   Wenn Du weinst,
Bitte, am Vollmondabend.

Höre den Windstoß!
   Wer fällt vorher
Die Blätter!

 
Bambus